„i am one of the he, she, it’s*“

15 Sep

Lie* Les*, * du das liest, nun sag, wie hast du’s eigentlich mit dem Gendern? Nein, es handelt sich hier keinesfalls um eine selbst kreierte kryptische Geheimsprache oder um das traurige Fragment längst vergangener Stenographie-Kenntnisse. Der Einleitungssatz ist vielmehr relativ einfach zu dechiffrieren und obendrein vermutlich auch noch ein linguistischer Gender-Traum. Seit meinem Referat über die schwachen und starken Verben des Gotischen weiß ich, dass die Bausteine unserer Sprache durchaus einen gewissen Unterhaltungswert bieten.

Das Gender* (Gender-Sternchen) beschäftigt die Gemüter, wie das überhaupt nur der Gender-Debatte zu gelingen vermag. Da aufmerksame Leser*innen auch im Programmheft des Open Mind Festivals 2015 „Ich ist eine Andere“ noch des Öfteren über das eine oder andere „Sternchen“ stolpern werden, ist es deshalb an der Zeit, das Gender* offiziell vorzustellen. Tatsächlich ist es nämlich sozial äußert engagiert, tritt visuell für Randgruppen ein und ist zusätzlich Movens für zahlreiche Kontroversen. Es führt ein spannendes Leben, das Beachtung verdient.

Das Gender* ist eng verwandt mit dem Gender-Unterstrich „_“, die sich auch als Gender-Gap subsumieren lassen und in die Fußstapfen des berühmten Binnen-I treten. Beide Varianten verbinden im Deutschen gemeinhin eine maskuline Wortform mit einer femininen Endung wie beispielsweise Besucher*innen oder Besucher_innen. Das ist deshalb nötig, weil im deutschen Sprachgebrauch mitunter falsche Informationen über das soziale Geschlecht (Gender) mit den Substantiven transportiert werden. So ist bei Besucher nicht eindeutig zu erkennen, ob es sich dabei lediglich um männliche Besucher handelt, oder auch Frauen willkommen sind (für das Open Mind Festival gilt: ja, ja und ja! Kommt häufig und in Scharen!). Aber nur in Schemata von Männern und Frauen zu denken, wäre für das 21. Jahrhundert schon sehr gestern. Was ist also mit den anderen Geschlechtern wie Intersexuellen, Transsexuellen oder Transgender? Diese passen in kein eindeutiges Zuordnungsschema zu den gesellschaftlich anerkannten Varianten von männlich oder weiblich, fordern aber selbstverständlich eigene Papiere. Genau hier setzt das Gender* an. Das „*“ ist ein schmaler Platzhalter für die große Diversität unserer Gesellschaft. Besucher*innen inkludiert Männer sowie Frauen, aber eben auch Intersexuelle, Transsexuelle und Transgender.

Das Gender* ist eine wunderbare Sache, daran besteht kein Zweifel. Es regt sich aber auch leichte Kritik an der Lösung. So beklagt der eine Sprachwissenschaftler (Persson Perry Baumgartinger), dass der Vielfalt an Geschlechtlichkeit zwischen Mann und Frau mit einem kleinen „*“ nur sehr wenig Platz eingeräumt wird. Deshalb liebe Leser*innen, plädiert Baumgartinger auch gleich für die Verwendung des Sternchens als generelles Suffix, das alle geschlechtlichen Markierungen ersetzen soll und euch in lieb* Les* verwandelt. Andere wiederum konstatieren eine Problematik des Sprachgebrauchs; denn was sich schriftlich leicht verwirklichen lässt und bei öffentlichen Schreiben u.Ä. gerne verwendet wird, findet oft keine Anwendung im privaten Bereich. So manche Linguist*in spricht sich aus diesem Grund rigoros gegen eine Reglementierung für den informellen Bereich aus. Luise F. Pusch merkt an, dass das Gender Gap ohnehin zu sehr an den Aufbau von E-Mail Adressen erinnere und empfiehlt, sich an neutralen Formen zu orientieren, wie das bereits im Englischen der Fall ist. Dort ist die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern einfacher, da die entsprechenden Wörter meistens geschlechtsneutral sind.

Es dürfte vermutlich etwas schwer fallen, den kompletten deutschen Sprachgebrauch sofort und auf der Stelle zu ändern; sprachliche Entwicklung ist allerdings zu goutieren und auch nicht neu. Unsere Sprache ist einem steten Wandel unterworfen und das bereits seit Entwicklung der ersten Sprachformen.

Zusätzlich birgt die Gender-Debatte übrigens auch einen gewissen Unterhaltungswert, man denke an die österreichische Bundeshymne und die daraus entstandenen Konflikte und Skandälchen, die wochenlang die Medien dominierten. Deshalb scheint auch bereits eines festzustehen, egal wie ihr, liebe Leser*innen, jetzt genau zur Gender-Debatte steht, das Leben wäre wohl sehr viel farbloser und langweiliger ohne das Gendern.

 

Foto © Veronika Zangl,

Titel angelehnt an die „Chain Gang“ von Ja, Panik

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