Das EmpÖrium bittet zum Bildungsdschihad

23 Nov

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – oder der Ruhm der Datteltäter. Tatsächlich lockte das muslimische Satire-Kalifat aus Berlin sehr viele, sehr junge Menschen zum Open Mind Festival. Wer die Datteltäter nicht kennt: Das freche Kollektiv, das sich kein Blatt vor den Mund nimmt, hat sich mit YouTube-Videos auf emotionale Themen wie Xenophobie, Islam und Kopftücher spezialisiert. Im Auftrag der Satire kämpfen sie gegen falsche Vorurteile, entschärfen potentielle Angst-Quellen und schließen Bildungslücken.

Der YouTube-Channel der Datteltäter zählt aktuell 63.455 AbonnentInnen (und es werden stündlich mehr) – vermutlich sollte auch genau deshalb der enorme BesucherInnenandrang in der ARGEkultur letzten Samstag nicht erstaunen. Tut er aber doch, zumindest den Datteltäter-Neuling (aka Verfasserin). Wer hier zu spät kommt, den bestraft der Platzmangel. Keine Bange, alle fanden Unterschlupf, es dauerte vielleicht nur ein kleines bisschen länger und das mit der Wunschaussicht war dann halt auch so eine Sache.

Die vorletzte Veranstaltung des Open Mind Festivals 2017 stand ganz im Zeichen von Satire. Dabei setzte man nicht nur auf die Berliner Profis, sondern auch auf lokale Acts. Martin Salzbacher nutzte die Gunst der Stunde, um in Erinnerungen an Jörg Haider zu schwelgen und die aktuelle politische Lage zu bewundern. Im Anschluss philosophierte Julia Bernerstätter über die Nachteile von Pilates und arbeitete sich an der Frage ab, warum heute eigentlich niemand mehr Nazi-Witze erzähle. Große Bands setzen meistens auf ein Warm-up-Programm: Zum Support der Datteltäter zählte neben den lokalen Comedians u. a. auch eine Film-Premiere. Das Friedensbüro Salzburg präsentierte Stolz seine in einem Workshop zum Thema „Extremismus und Satire“ entstandene Eigenkreation über eine ziemlich extreme Familie – mit engagierten Neo-SchauspielernInnen mit Migrationshintergrund im Lead, unter der Leitung von Nedžad Mocevic.

Nach so viel lokalem Support ist die Stimmung im Saal entsprechend für die Prominenz des Abends aufgeheizt. Genau wie ihre VorgängerInnen wollen die fünf angereisten Datteltäter Extremismus mit Humor Paroli bieten. Das gelingt den vier Deutschen (Farah, Younes, Marcel und Fiete) und der Quoten-Österreicherin (Nour) mit ihren großen Klappen schon recht gut. Als Werkzeug dienen die obligatorischen Videoclips, die die Datteltäter auf der Bühne präsentieren: Liebevoll inszeniert, bedienen sie jedes Klischee und lenken gerade dadurch die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichsten Problematiken. Ein kluger Schachzug, der den jungen Wilden auch die Sympathien der breiten Masse sichert. Nun gut, ein kleiner, abwesender Teil reagiert immer bockig und versucht, mit diversen negativen Kommentaren unter den YouTube-Videos des Satire-Kalifats dem eigenen Frust Luft zu machen. Zum Glück gibt es aber eine Supermacht in den Reihen des EmpÖriums: Quoten-Christ Marcel. Der darf die Hass-Postings für die ganze Truppe kommentieren – und präsentiert live einen kleinen Einblick in sein Talent. Vor lauter Lachen fällt es ihm dann aber doch schwer, sich zu konzentrieren. Sichtlich amüsiert nimmt er mit seiner guten Laune den Wind aus den aggressiven Botschaften. Die sind übrigens nicht nur orthografisch fragwürdig, sondern verstricken sich auch inhaltlich in Widersprüche.

Am Ende stehen die Datteltäter dem Publikum, das aus ganz Österreich und Bayern angereist ist, geduldig Rede und Antwort – „Kollektive für Individuen“ eben. Empowerment? Läuft! Wenn Pegida nur wüsste, was sie angerichtet haben: Als Antwort auf die islamfeindliche Organisation haben sich die Datteltäter gegründet (Schlagwort: „Bildet Banden“) und so wie es aussieht, gibt es bald viele NachfolgerInnen im deutschsprachigen Raum, die selbstbestimmt und positiv ihr Image in die Welt hinaus tragen werden, dank dem vermutlich sympathischsten muslimischen Satire-Kalifat der Welt.

 

Foto ©  Michael Groessinger

 

 

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