Haltung, fertig, los!

12 Nov

Es klingt wie ein volkstümliches Märchen: Vier Dirndln aus dem Rabtal machen sich auf in die große, weite Stadt. Natürlich ist „abreißen. Eine Haltungsschau.“ keine Mär, sondern eine kompakte Dystopie. Die vier Dirndln sind ausgewachsene Frauen eines Theaterkollektivs, das einst dem (glücklichen) Zufall entsprang. Ihre Heimat ist genauso Fiktion wie die Figuren selbst. Und, nun ja, das mit der Größe und Weite muss Salzburg wohl auch noch ein bisschen üben.

Die erfrischend andere szenische Koproduktion mit der ARGEkultur bricht auf dem Open Mind Festival 2017 mit Theater-Konventionen. Kritisch stellen die vier (gleichrangigen – hier zählt das Kollektiv) Heldinnen Weltanschauungen, Themen und Problematiken in den Fokus, denen die Aktualität förmlich aus den Poren springt. Eingebettet in eine pervertierte Modenschau flanieren die verschiedensten Geisteshaltungen vor dem Publikum auf und ab und lassen ihre Gliedmaßen in den Ganzkörper-Suits und Nonsens-Trachten nur so fliegen. Dabei dreht sich alles um das große Überthema Stadt-Land-Inkongruenz mit Schwerpunkt auf dem weiblichen Geschlecht. Wer nämlich denkt, dass eine männliche Jugend auf dem Land schwer ist, der hat noch nie eine weibliche Variante ausprobiert…

Damit die Kost in „abreißen. Eine Haltungsschau.“ nicht zu schwer ausfällt, haben die Rabtaldirndln ihren Stoff adrett aufbereitet – mit Abzügen im Bereich Manierlichkeit. Stattdessen schwingen sie Fahnen mit Credos wie „#Landlustmatters“ und „#YouToo“ oder stopfen Joghurt gewaltsam in fremde Münder. Volkstümlichkeit und ihre Klischees nimmt die szenische Eigenproduktion wenig subtil auf’s Korn. Die „Countrymen“ bewegen sich in einer phantasievollen Choreografie zu Voxx Club und einer Coverversion von Andreas Gabalier über die Bühne. Das heitere „Why Worry?“ Sprichwort von der grünen Insel wurde ebenfalls zweckentfremdet. Aber im Gegensatz zum irischen Original gibt’s bei hier keine Party in der Hölle, auf der bereits alle Freunde*innen warten. Nein, bei den vier Revoluzzerinnen wird viel rabiater vorgegangen: Wenn sie nicht gerade in ihren eigenen Trachten-Kreationen über den Laufsteg staksen, dann puschen sie sich in Manier von Māori-Kriegern in Ekstase oder veranstalten amouröse Schattenspiele. Dass das provoziert, ist klar.

Dass sich die Rabtaldirndln mit „abreißen“ bei einer scheinbar bequemen Zielgruppe bedienen, namentlich sich selbst, täuscht. Trotz Zuschreibungen wie „jung, weiblich und vom Dorf“ erreichen sie ein breites Publikum. Das ist keineswegs auf vom Land Geflüchtete, in der Stadt Gestrandete oder trendige Hipster beschränkt, sondern breitet sich bis ins tiefste dörfliche Idyll aus. Die Ideen für ihre Produktionen liefert der Alltag. So fließt eine Plakat-Abreiß-Aktion empörter Dorfbewohner*innen ebenso in die Eigenproduktion ein, wie Wiener Ausländer*innenkinder, die von ihren arbeitslosen Eltern mit vollen Windeln im Kindergarten abgegeben werden. Die schönsten Klischees schreibt eben das Leben – sie aufmüpfig in Szene zu verpacken, ist eine der großen Stärken der Rabtaldirndln.

 

Foto © Wolfgang Lienbacher

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