Mein kleiner grüner #Kaktus

18 Sep

In letzter Zeit habe ich begonnen, eine Vorliebe für Zimmerpflanzen, insbesondere Kakteen, zu entwickeln. An und für sich nichts Ungewöhnliches, denn Vorlieben kommen und gehen und verändern sich mit der Zeit. Doch als ich bei meinem letzten Ikea-Besuch kurz davor war, einen 50 Euro teuren Kaktus zu kaufen, wurde ich stutzig und kam nicht darum herum, mich zu fragen, woher dieses Kaufbedürfnis so plötzlich kam. Seit wann sprechen mich diese stacheligen Pflanzen ästhetisch so an? 

Früher stand ich Zimmerpflanzen nämlich ziemlich gleichgültig gegenüber. Und ein grünes Händchen bzw. Däumchen hatte ich sowieso noch nie.Vor ein paar Tagen bin ich dann auf Facebook zufällig auf einen Artikel gestoßen, der meine neu entfachte Liebe zu Kakteen erklärte. Dem Artikel zufolge ist ein regelrechter Pflanzenhype auf der Social-Media-Plattform Instagram ausgebrochen. Eine ganze Generation präsentiert stolz und gekonnt ihre stilvoll eingerichteten Wohnungen samt grünem Innenleben.Und siehe da, als ich unter diesem Aspekt meinen Feed kritisch auf das Vorkommen von schön in Szene gesetzten Pflanzen inspiziere, entdecke ich Kakteen en masse. Als ich dann die Hashtags #plants #cactus #jungalow eingebe, offenbart sich mir die wahre Dimension des grünen Trends in seinem vollen Ausmaß. Langer Rede kurzer Sinn meine Erkenntnis aus der Kaktusgeschichte: Der Einfluss, den Instagram auf das alltägliche Leben nimmt, ist oftmals viel größer und weitreichender als einem bewusst und lieb ist. Nun ist mein beinaher Kaktuskauf relativ harmlos und nichts, was ein Leben einschneidend verändern könnte, doch zeigt er gut, wie Instagram dazu imstande ist, Konsumbedürfnisse unbewusst zu steuern. Instagram setzt mit seinen 700 Millionen Userinnen und User stets neue Maßstäbe und Trends das Aussehen, den Körper und den Lifestyle betreffend und hat eine nicht zu unterschätzende Wirkungskraft auf sein zum Teil noch recht junges Publikum.

Eine entscheidende und richtungsweisende Rolle im Instagramuniversum kommt den sogenannten Influencern zu. Als Influencer werden hier InstagramnützerInnen mit einer Followerschaft von mindestens 10.000 Followern bezeichnet. Ihre Posts haben eine große Reichweite und sprechen viele junge Menschen an. Nun haben in den letzten Jahren vermehrt große Firmen und Betriebe das ökonomische Potential, das die virtuelle Beliebtheit der Inernetstars in sich birgt, für sich entdeckt. Sie nützen deren Einflusskraft, um ihre neuesten Produkte bewerben zu lassen. Social-Media-Stars werden zu wandelnden Werbeflächen. Eine neue, für die Unternehmen vergleichsweise billige und sehr effiziente Form der Werbung ist entstanden. Das Problematische an dieser Marketingstrategie ist, dass das Werben oft subtil und ohne klar ersichtlicher Produktplatzierung erfolgt. Die Influencer bauen die Produkte, sei es nun ein Markenschuh oder ein neues Lifestyle-Getränk, spielend leicht in ihre schön konstruierten Posts, in denen sie sich vordergründig selbst in Szene setzen, ein.

Wer aber sind nun besagte Influencer? Und welche Inhalte verbreiten sie unter ihrer Followerschaft? Vorwiegend handelt es sich bei den Influencern um junge Frauen, die man mit den Attributen schlank, sexy, und zurechtgemacht versehen könnte und den konventionellen, heteronormativen Schönheitsidealen entsprechen. In ihrer Freizeit scheinen sie alle denselben Beschäftigungen nachzugehen, zum Beispiel in einem hipen It-Place ein fancy zubereitetes Avocado-Brot und einen Kaffee inklusive Milchschaumkunstwerk zu sich zu nehmen. Was Influencer unter anderem sonst noch so machen und posten ist in folgendem Video zu sehen:

Im Schnelldurchlauf werden die immer gleichen Motive in immer gleicher Ästhetik gezeigt. Anscheinend gibt es gewisse ungeschriebene Gesetze, was und vor allem wie es auf Instagram zu posten gilt. Das Gefährliche an Bildern dieser Art ist, dass sie etwas anderes sind als sie vorgeben zu sein. Sie sind nämlich keine amateurhaften Momentaufnahmen und spontane, ungestellte Einblicke in das alltägliche Leben junger, stylischer Frauen. Es handelt sich vielmehr um wohldurchdachte und durchkomponierte Bilder, hinter denen viel professioneller Aufwand und Energie stecken. Oftmals ist man sich als Follower dieser Inszenierung nicht bewusst und fühlt sich von den „perfekten“ Instagramerscheinungen eingeschüchtert und unter Druck gesetzt. Umso wichtiger ist es, dass es Frauen wie Celeste Barber auf Instagram gibt. Die australische Komikerin setzt mit ihrem Account ein Statement gegen die lebensfernen, teils absurden Selbstdarstellungen der Netzberühmtheiten, indem sie diese parodiert und ihnen ein realistisches Frauenbild entgegenstellt.

Was aber kann man als Instagram-Userin gegen die vielen Einflüsse und Bilder mit Selbstoptimierungs- und Konsumaufforderung tun? Der erste Schritt zu einem selbstbestimmteren Social-Media-Dasein ist, sich bewusst zu machen, dass hinter vielen beliebten Instagramprofilen berechnendes Kalkül und eine professionelle Marketingstrategie stecken und diese nicht viel mit dem echten Leben zu tun haben. Des weiteren würde ich empfehlen, beim Zeitvertreib in den sozialen Netzwerken immer eine Sonnenbrille zu tragen, um sich nicht zu sehr von der schönen, heilen Instagramwelt blenden zu lassen.

In diesem Sinne gehe ich jetzt mal meinen Kaktus gießen… Manchmal ist allein sein eben doch schöner als gemeinsam Schein sein. 

Bildmontage © Cornelia Lindinger / Instagram

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