Ein Jahr „Flüchtlingskrise“

11 Okt

Es war vor fast genau einem Jahr als ich in Leeds (West Yorkshire, England) in meinem StudInnentenheim vor dem Laptop gefesselt den reißerischen Berichten des BBC lauschte, wonach Österreich und Deutschland von einer Welle von Flüchtlingen beinahe überschwappt wurde.

Der damalige Premierminister David Cameron sprach sogar von einem „Migrantenschwarm“, als wären die zigtausenden syrischen Kriegsflüchtlinge blutsaugende Insekten, die es zu verscheuchen galt.
FM4 traf in einem kürzlich erschienenen Artikel einen Nerv mit der Aussage „Kriege sind keine Naturkatastrophen und Menschen kein Wildwasser.“ Die makabre Ironie an der Wortwahl, dass tausende Fliehende auf See ihr Leben lassen, schien und scheint niemanden sonderlich zu stören. Hierzulande sprach man sofort von einer „Flüchtlingskrise“, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so richtig begonnen hatte. Gestrandet auf den Bahnhöfen der Alpenrepublik war für viele Flüchtlinge klar, dass sie nach Deutschland wollen, zu „Mama Merkel“. Dass dieser Plan für die Mehrheit nicht aufgehen würde, verbreitete sich schnell.

Oberflächlich scheint sich die Lage nun, ein Jahr später, etwas beruhigt zu haben. Medienberichte, die von „mittlerweile regulierten Flüchtlingsströme“ sprechen, sollen beschwichtigen. Und generell hört man das Unwort des Jahres 2015, Flüchtlingskrise, immer seltener. Da ist es leicht, die Problematik in eine mentale Schublade zu stecken: Aus den Augen aus dem Sinn sozusagen. Doch der Schein trügt. Die Auffanglager platzen aus allen Nähten, Frustration macht sich breit, von Integration gar nicht erst zu sprechen. Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos brannte es kürzlich, und ob Brandstiftung oder nicht, die Lage spitzt sich zu.

Ebenfalls vor einem Jahr, am 03. Oktober. 2015, fand am Wiener Heldenplatz ein Benefizkonzert zu Gunsten der Flüchtlinge statt – Olivia berichtete damals für diesen Blog. „Voices for refugees“ lud dazu ein, den Stimmen von Seiler & Speer, Konstantin Wecker, Conchita, Bilderbuch, Die Toten Hosen und Co zu lauschen und ein Zeichen zu setzten. Jetzt, ein Jahr später, scheint die Hilfsbereitschaft dem Zynismus gewichen zu sein. Die Stimmung kippte in dem Moment, in dem aus hilfesuchenden Flüchtlingen AsylwerberInnen mit Forderungen wurden. Entsprechend der Mentalität einer Wohlstandsgesellschaft fühlen sich viele ÖsterreicherInnen bedroht. Zu Unrecht, so das Statement von US-Präsident Barack Obama kürzlich auf einem Flüchtlingsgipfel in New York, als er betonte, dass die Flüchtlinge nicht als Last, sondern als Bereicherung für die jeweiligen Aufnahmeländer gesehen werden sollten. Fest steht, dass tatsächlich gelebte Integration keine Einbahn ist. Es braucht ein offenes Miteinander statt ein stures Gegeneinander, um der Situation Herr zu werden. Der Behauptung, dass die Willkommenskultur tot sei, entgegnet Anna Schiester, die Gründerin von „Flüchtlinge Willkommen“ in Salzburg, dass all jene, die vor einem Jahr auf den Bahnhöfen und in den Flüchtlingslagern mit angepackt haben, das gleiche wieder tun würden.

Die Migrationswelle in Europa zog im vergangenen Jahr ernste politische Konsequenzen nach sich. Sie führte unter anderem zur Brexit-Tragödie und trug dazu bei, fremdenfeindliche, nationalistische Parteien zu stärken. Auch wird sich zeigen, welche Auswirkungen sie auf die Wiederholung der österreichischen Bundespräsidentschaftswahl am 4. Dezember hat. In jedem Fall schadet die zweifelhafte Migrationspolitik vieler Mitgliedsstaaten, wie etwa die Errichtung von Grenzzäunen, der EU zusehends. Die Umsetzung von Quoten und Obergrenzen scheint nur mäßig zu gelingen und erschwert die ohnehin schon aussichtslose Lage der Flüchtlinge zusehends. Ende September tagten die Staats-und Regierungschefs von neun entlang der Balkanroute gelegenen Staaten in Wien. Bundeskanzler Christian Kern präsentierte in einer Pressekonferenz die Ergebnisse dieses europäischen Flüchtlingsgipfels. Die Schließung der EU-Außengrenzen, vor allem an der Balkanroute, und mögliche Rückführungsabkommen mit Ägypten, Afghanistan, Niger oder Mali standen im Mittelpunkt der Gespräche. Weiters betonte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel einmal mehr, dass sie die illegale Migration so weit wie möglich stoppen will. Wirklich neue Töne sind das nicht.

Immer öfter kursieren seit Beginn der „Flüchtlingsproblematik“ in den Sozialen Netzwerken Fotos von traumatisierten Kindern, die in den Trümmern ihrer Heimat sitzen und sorgen für mediale Aufschreie. Mitleidsbekundungen in den Kommentaren sind zwar schön und gut, bewirken in Realität jedoch oft nur sehr wenig bis nichts. Klar ist, dass dringend mehr passieren muss, sowohl seitens der Politik als auch dem – ohnehin schon großen – Engagement der Zivilbevölkerung.

Das Open Mind Festival widmet sich dieses Jahr insbesondere dem Thema „Queer und auf der Flucht“ durch ein ausgewähltes Filmprogramm inkl. Podiumsdiskussion und einem vertiefenden Workshopangebot.

 

Foto: © Edu Aguilera, Lizenz CC BY NC 2.0

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