Heute Österreicher*in, morgen Europäer*in und übermorgen?

17 Okt

Als ich für drei Wochen nach Irland ging, hatte ich bei meiner Rückkehr meine österreichische Sprachfärbung verloren. Lag es daran, dass ich mich nur auf Englisch oder einmal zu oft mit meiner norddeutschen Kollegin unterhalten hatte? Während es mir ähnlich wie in Hofmannsthals Chandos-Brief erging („die Worte (…) zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“), wurde mancherorts pikiert konstatiert, „du redest wie eine Deutsche“. Das klang wie ein Vorwurf und barg einen schalen Beigeschmack.

Einige Jahre später vollzieht sich bei mir ein erneuter Wandel, wieder ist eine Reise in die Ferne das Movens für den Prozess. Als ich diesmal nach einigen Monaten nach Österreich zurückkehre und danach gefragt werde, als „was“ ich mich jetzt fühle, nenne ich spontan „Europäerin“ als meine Identität. Der Begriff scheint mir adäquat als Umschreibung meiner euphorischen, interkulturellen Post-Auslandsaufenthalts-Gefühlslage. (Außerdem will ich den Fragebogen-Auftraggeber*innen, der EU, eine kleine Freude bereiten.)

Es mag kein Zufall sein, dass ich mit der offensiven Frage nach meiner Identität zum ersten Mal just in einer Umfrage der Europäischen Union konfrontiert wurde. So wie mir ergeht es vermutlich den Meisten. Bis vor Kurzem brütete kaum jemand über der Frage, ob er*sie nun Europäer*in, Österreicher*in und Ähnliches oder einfach nur Weltbürger*in ist. Tatsächlich misst das Gros der in Österreich befragten Personen der nationalen Identität keine allzu große Bedeutung bei. Zu diesem Ergebnis gelangt der Politwissenschaftler Fabian Habersack in einer Studie der Robert-Jungk-Bibliothek, die sich mit der Bedeutung der nationalen Identität in Salzburg auseinandersetzt. Die jüngsten politischen Ereignisse scheinen allerdings unser Bewusstsein zu schärfen. Lange Flüchtlingsströme ziehen quer durch Europa und führen zu allerlei Emotionen in der Bevölkerung. Die einen reagieren empathisch und weltoffen, die anderen pochen vehement auf die eigene Nationalität und fühlen sich im Elementarsten bedroht. Sie nutzen die nationale Identität, um sich nach außen hin abzugrenzen und das Andere, das Fremde, kategorisch auszuschließen.

Aber was konstituiert diese nationale Identität eigentlich? In ihr steckt der Terminus der Nation, der strikt von Nationalstolz zu trennen ist. Letzteres wird in seiner extremen Form gerne von rechten Gruppierungen vereinnahmt, Ersteres stellt, objektivistisch betrachtet, eine Reihe von Gemeinsamkeiten dar. Religion, Sprache, Kultur, Land und dergleichen eint die Menschen einer Nation. Gleichzeitig lassen sich die objektiven Merkmale aber auch ins Gegenteil verkehren und all jene exkludieren, die eben nicht diese Charakteristika aufweisen. Die subjektive Definition von Nation verweist wiederum auf die Autonomie der Bürger*innen, die frei wählen, welcher Nation sie sich zugehörig fühlen. Und dann ist da noch die Imagined Community, die erdachte Gemeinschaft. Ein durchaus spannender Ansatz, der die Nation als fiktives Konstrukt begreift, das erst durch das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen zu existieren beginnt.

Nationale Identität übernimmt eine sinnstiftende Funktion. Durch Abgrenzung wird der Mensch sich selbst bewusst und erfährt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Um sich selbst zu definieren, tendieren immerhin 49 Prozent der Studienteilnehmer*innen dazu, sich im Ausland als Österreicher*in zu bezeichnen und 26 Prozent als Salzburger*in, während nur 10 Prozent auf ihr Europäer*innentum verweisen. Außerhalb Europas steigt oft die Bereitschaft, sich als Europäer*in einzuführen; zumindest meistens, denn bei Österreich handelt es sich um ein ziemlich bekanntes Land und das ist nicht zwangsweise auf eine „Europa“ Kategorisierung angewiesen. (Allerdings könnte diese vielleicht in manchen Situationen bzw. Ländern durchaus hilfreich sein, um auch den letzten „Australia“ Verwechslungen vorzubeugen.)

Den Weg zur österreichischen Identität sehen übrigens 75 Prozent in der deutschen Sprache verortet, so Fabian Habersack. 74 Prozent fordern zur Erlangung des Prädikats „Österreicher*in“ die Achtung der heimischen Gesetze und Institutionen, lediglich 22 Prozent erachten die christliche Konfession als notwendige Voraussetzung.

Die Bildung von nationalen Identitäten ist ein noch relativ junges Phänomen und setzte im 18. Jahrhundert ein. Dennoch zeichnet sich bereits heute eine Trendwende ab. Globale Kommunikation verkleinert die Welt persistent, Internationalität rückt in den Fokus und neue Bezugssysteme beginnen sich zu etablieren. – Es ist dann vermutlich auch nicht weiter verwunderlich, dass ich mich, einem spontanen Impuls folgend, damals als „Europäerin“ titulierte. (Und wie es der Zufall will, gelten Europäer*innen auch als weltoffener. Ein ziemlich angenehmer Nebeneffekt.)

 

 

Foto © Veronika Zangl

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