Pokerface

18 Sep

Zwei Männer an einem Tisch. Beide lügen. Beiden juckt die Nase – nur bloß nicht kratzen! Weh dem, der lügt!
Ratgeber, wie man den Prozess des Lügens bei seinem Gegenüber erkennen kann, gibt es wie Sand am Meer. Bill Clinton soll sich bei Fragen zu Monika Lewinsky überdurchschnittlich oft an die Nase gegriffen haben – eine Bewegung die interessanterweise in einigen Teilen Asiens verpönt ist. Und auch Pinocchio wuchs genau dieser Körperteil und kein anderer (obwohl er doch das „Auge“ im Namen hätte)

Doch so offensichtlich muss es gar nicht sein: Österreichische WissenschaftlerInnen behaupten, aufgrund von tausenden unterschiedlichen Mikromimiken im Bereich von Sekundenbruchteilen, die wir nicht bewusst steuern können, Rückschlüsse auf Gefühle ziehen zu können – Lügen zu erkennen funktioniert aber nur bei rund 60 Prozent der Menschen. Manche können es einfach zu gut.

Es fühlt sich an wie eine Anti-Lügen-Software. Egal wie intensiv man daran arbeitet, die LügnerInnen sind immer schon einen Schritt weiter und Lügen uns ins Gesicht. Wenn wir alle durchschnittlich 200 Lügen am Tag verbreiten, bleibt viel unentdeckt. Das wirft die Frage auf, welchen evolutionären Sinn eine Lüge verfolgt. Neben dem Selbst- und Eigenschutz aufgrund von (möglichen) Anschuldigungen liegt für mich eine Antwort nahe: Ein großer Teil aller Lügen erfolgt gegenüber uns selbst. Ich belüge mich selbst und da ich ein so guter Lügner bin, bemerke ich es gar nicht. Im (inneren) Monolog wird mehr gelogen als in jedem Dialog. Arthur Schnitzler, der frühe Meister dieser Erzählform, zeigt uns sowohl in Leutnant Gustl als auch in Fräulein Else die Lügen bei der Eingliederung des individuellen Ich in das gesellschaftliche Wir. Und vielleicht muss das so sein. Vielleicht müssen wir uns nicht nur gegenseitig sondern auch selber belügen, damit diese Gesellschaft funktioniert. In jedem Gruppenbildungsprozess verliert der Einzelne ein Stück seiner Individualität – vielleicht ist es besser, wenn uns das gar nicht bewusst ist und wir uns stattdessen (unwissentlich) belügen.

Wer deutet mir die buntverworrene Welt!
Sie reden alle Wahrheit, sind drauf stolz,
Und sie belügt sich selbst und ihn; er mich
Und wieder sie; der lügt, weil man ihm log –
Und reden alle Wahrheit, alle. Alle.

(Franz Grillparzer – Weh dem, der lügt!)

Foto: (c) David Greenwald/Camera Obscurist

One Response to “Pokerface”

  1. not quite like beethoven 18. September 2013 at 22:35 #

    Denke, in jedem Fall kann man sich das Lügen so zur Gewohnheit machen, dass es ungesund ist.

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