On Burschen-Track: The Lion doesn’t sleep tonight

27 Nov

Ich wohne gegenüber einer schlagenden Burschenschaft. Bummer, jetzt ist es raus. Bis letzten Sonntag hatte ich allerdings selbst noch keine Ahnung von dieser Nachbarschaft. Dann heftete sich Josephine Rieder im Auftrag des Open Mind Festivals mit uns Interessierten an die moralisch-fragwürdigen Fersen der Salzburger Burschis. Damit rückte sie die öffentlichkeitsscheuen Männerbündler nicht nur ins wolkenverhangene November-Licht, sondern auch in den Fokus meines ganz privaten Schreibtisches. Von dort ist die Aussicht auf eine der besuchten Buden nämlich ganz besonders gut, wie ich im Anschluss feststellen durfte. Aber der Reihe nach. Das kleine Grüppchen versammelte sich für ein kurzes Briefing im ARGEfoyer. Aus Sicherheitsgründen wurde die Route erst peu à peu bekanntgeben. Ein Gedanke, der eine unangenehme Beinote trägt – wir wollen doch nur spielen!

Die meisten der einschlägigen Verbindungen berufen sich zwar auf die Urburschenschaft von 1815, trotzdem gibt es einige Unterkategorien. Grob wird zwischen katholischen und völkischen Burschis differenziert. Letztere sind die Deutsch-Nationalen mit dem gewissen Rechtsdrang – erschreckenderweise ist die FPÖ besonders reich an Vertretern dieser Gesinnung: Von 51 stammen 20 aus völkischen Verbindungen. Zahlen, die nicht unbedingt ermutigen – wie war das mit dem aufgeklärten, demokratischen Westen?! Übrigens sind einige dieser Verbindungen schlagend – frau möchte an dieser Stelle einwerfen: Im 21. Jahrhundert ist das „sooooo old-school“. Aber Burschis hängen eben an ihren gestrigen Traditionen.

Tatsächlich ist es nicht Kreativität, für die die Burschen bekannt sind. Deshalb teilt sich auch ein Gros der Verbindungen den Slogan: „Freiheit-Ehre-Vaterland“. Wobei die Freiheit der Männerbündler selbstverständlich dort endet, wo sie sich selbst gestört fühlen – noch so ein Grund, warum die Route des Stadtspaziergangs vorab nicht bekanntgegeben wurde: ‚Empfangskomitees‘ sollten vermieden werden. Zu den rechts-nationalen Verbindungen zählt auch die Germania in der Linzergasse, die sich rühmt, eine akademische Burschenschaft zu sein. Bis in die Liste der DB, also der Deutschen Burschenschaften, haben sie es aus Nicht-Burschen unbekannten Gründen trotzdem noch nicht geschafft. Dafür bleibt man offensichtlich gerne unter seinesgleichen – die Germanen teilen sich ein Haus mit der Studentenverbindung Corps Frankonia-Brünn. Die Stolpersteine vor dem Gebäude weisen darauf hin, dass hier einst eine jüdische Familie wohnte: Ein Paradoxon mit bitterem Nachgeschmack. Übrigens können sich bei den Germanen auch Nicht-Mitglieder zu einem günstigen Preis einmieten. Just sayin’…

Nächste Station: Die Sängerschaft Hohensalzburg. Das klingt ziemlich idyllisch, oder?! Trägt aber auch wieder so eine kleine rechte Note, selbst wenn das der streitbare Sangesbursch leugnete, auf den wir zufällig trafen. Eigentlich wollte er gerade in der Bude in der Bergstraße verschwinden, als er sich zur Gruppe der kritischen Flaneure gesellte. Natürlich nicht stumm – sondern mit wertvollen Perlen wie „ich bin schwul und halber Franzose“. Ok, wenn er seine persönlichsten Dinge unbedingt mit einer Gruppe Fremder teilen möchte, sei ihm das selbst überlassen. Allerdings stellte sich rasch heraus, dass Burschis offenbar indoktriniert sind. Spazier-Kollegen*innen berichteten von ähnlichen Antworten anderer Burschenschaftler. An der Kreativität dürfen die Männerbündler also wirklich noch feilen. Aus Zeitmangel erübrigte sich dann auch das längere Gespräch. Immerhin ließ sich der „Halbfranzose“ noch zu der Wortspende hinreißen, nicht nur deutsch-nationale Lieder zu singen. In seiner alten Verbindung habe man sich tatsächlich u. a. an den „König der Löwen“ gewagt. Hakuna Matata (sic!).

Die Stippvisite vor der Bude der Gothia fiel leider flach, Zeitmangel und so. Schade irgendwie. Aber bei den Burschenschaften gilt ohnehin die Devise: „Kennst du eine, kennst du sie alle“. Deshalb lebt auch das „Ehre-Freiheit-Vaterland“-Credo in neuer Reihenfolge wieder auf. Übrigens verlangen die Gothia für ein Zimmer doppelt so viel wie ihre Linzergassen-Kollegen. Kann man sich also doch selbst rechts überholen?

Wer mehr zum brandaktuellen Thema „Burschenschaften“ wissen will oder den rund 50 Personen angehört, die keinen Platz mehr beim kritischen Stadtspaziergang des Open Mind Festival ergattern konnten, dem sei einerseits die Broschüre der ÖH Wien „Völkische Verbindungen“ empfohlen, andererseits das beim Stadtspaziergang angesprochene Buch von Bernhard Weidinger „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen – Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945“.

 

Foto „Burschi-Busters“? © Cornelia Anhaus

 

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