Es gibt im Punk nur eine Antwort.

18 Nov

„Fake it until you had it all.“ Die Refrain-Zeile aus der aktuellen Single „Disregard“ vom nigelnagelneuen Album „Because“ hallt noch nach, doch nach ca. 45 Minuten ist schon wieder Schluss mit Laut. Aivery waren zu Gast beim Open Mind Festival der ARGEkultur.
Der Beweis in vier Hashtags, dass im Punk gemeinsam immer noch besser ist als einsam. Warum? Doris Zimmermann, Franziska Schwarz und Jasmin Rilke. Wenn man es nicht besser wüsste, dann müssten das doch eigentlich Künstlerinnennamen sein – die besten, weil unscheinbarsten, die eine Punk-Band je hatte. Doch Zimmermann, Schwarz und Rilke sind genau das: Musikerinnen, die für das, was sie machen, leben. Das Klischee: Erst wenn sie die Instrumente in der Hand und die Lippen am 58er haben, blühen sie richtig auf. Bestätigt sich (leider). Es soll ja (Spaß-)Punkbands geben, die eine Nettospielzeit von einem Drittel der Bühnenpräsenz haben und dazwischen Kabarett (?) machen (ich nenne keine Namen, Unschuldsvermutung und so) – Aivery spielen 44,5 der 45 Minuten auf der Bühne, sagen – gut erzogen – hallo, danke und tschüss, und trinken ihr Bier am Merch-Stand zu Ende. Hier wird Punk noch groß geschrieben. Warum?

An dieser Stelle wird jetzt keine Genre-Diskussion geboten (wer das möchte, kann das meinetwegen hier oder hier nachlesen), aber eins muss schon gesagt werden: Gene Simmons meinte mal, die Grunge-Bands zögen sich alle wie Sandler an, dann folgt im Originalzitat noch ein Rant über die fehlende Lightshow etc. (erstaunlicherweise bemängelte er fehlende Gesichtsbemalung nicht) – also können Jasmin, Franziska und Doris per Definition (Simmons et. al, 20. Jh.) eigentlich kein Grunge sein. ARGEkultur Studio, 30 Bier im Schatten: Das Outfit stimmt. Schwarz wie der Schwarze Salon (sic!), selbst der Röhrenverstärker gibt sich abweisend, Gaffa-Tape über dem üblicherweise allgegenwärtigen Marken-Logo sei dank. #Authentizität und so. Warum?

Frau Zimmermann sieht schon bei Nummer zwei nicht mehr 100% fit aus, alle Energie fließt in das Drumset. Doch auch wenn es noch so intensiv wird, der Drumstick-Flip geht immer. Dass das auch Spaß macht, erkennt der Laie spätestens bei der letzten Nummer (für die Nerds: Berlin von der EP ), die teilweise improvisiert (?) wohl das Herz der Band offenlegt: Zweiminutensechsundzwanzig. Geradeaus, ohne Kompromisse. Frau Rilke zieht an der Flanke ihr Ding durch. Fokussiert und stellenweise mächtig, dann wieder feinfühlig führt sie – heimlich still und gar nicht leise – das Trio durch den Abend. Und was Frau Scharz da vorne macht, das kann man nur mit zwei, meist negativ konnotierten, hier und in jeder Noise-Kritik äußerst positiv gemeinten, Wörtern beschreiben: räudig und peitschend. #Noise

Zwischendrin wähnt man sich in einem Prog-Punk-Konzert, gibt es so ein Genre überhaupt, kann es das geben? Und schon grätscht Aivery in die Überlegungen rein, ein Drum-Forte oder ein wutentbrannter Schrei, so als können sie Gedanken lesen. Warum?

Zurück zum Anfang, die Band baut in der Pause nach dem Support limes auf, meint ein Konzertbesucher (m), „die Mädels sind ja voll süß und schüchtern“. Nach dem Konzert lautet der Kommentar eines anderen Gastes (m) am Parkplatz: „Ihr seid voll sexy auf der Bühne.“ Du greifst dir an den Kopf? #Metoo
Hier der Verweis auf das Label der EP „Unrecords“. Das spannende: Feminismus, Antichauvinismus, Zusammenhalt (#CommonPeople), ja. Aber auch: Geiler Anti-Pop-Sound. Heute, hier bei Aivery sind wir alle ein Kollektiv, eine Community. Es geht um den Krach. Warum? #Because.

 

Text: Josef Kirchner

Foto © Michael Grössinger

No comments yet

Leave a Reply