Tape Me Up, Before You Go-Go

18 Nov

Die einen kaufen einen Satz Buntstifte und einen Block Mandalas, um Muster auszumalen. Die anderen experimentieren mit fleischfarbenem Plastilin und entscheiden nach einer Woche: Nein, das ist definitiv nicht das richtige Material. Dann kommt Klebeband ins Spiel und peu à peu kreierten Lisa Hinterreithner und Lilo Nein ihr kollektives Kunstprojekt: „Pink Tape – Yellow Tape – Black Tape – Repeat!“.

Es ist eine Uraufführung, die an diesem Tag im Toihaus Theater stattfindet. Drei Performerinnen (Lisa Hinterreithner, Linda Samaraweerová und Olivia Schellander) und eine Live-Musikerin (Elise Mory) treffen im Rahmen des Open Mind Festivals in der Blackbox aufeinander. Der Saal des Toihauses wird damit zum Bindeglied zwischen Theater und Museum. Zwischen den vier Künstlerinnen entspinnt sich ein intermedialer Prozess: Der funktioniert zum Gros nonverbal. Im Setting der Blackbox entwickelt das Kollektiv ein ganz eigenständiges, großes Muster, das sich aus lauter kleineren Varianten zusammensetzt.

Das Material liefern die Bewegungen der Performerinnen und zahlreiche Rollen Klebebänder: Von Neongrün über Weiß, Zartrosé, Schwarz bis Neonpink. Eingangs tauscht das Trio sein Material aus, dann startet das große Kleben. Lisa Hinterreithner, Linda Samaraweerová und Olivia Schellander bekleben nicht nur sich selbst und Gegenstände, nein, bevorzugt verbinden sie sich mit dem Raum und eignen sich die Örtlichkeit auf diese Weise künstlerisch an. Gleichzeitig weiten die Performerinnen den kollektiven Charakter ihrer Produktion auch auf das Publikum aus. Keine Angst, hier wird niemand zum Mitmachen genötigt. Stattdessen binden die Künstlerinnen ihre Zuschauer*innen unauffällig in das Programm ein. Sachte tasten sie sich an die sich frei bewegenden Menschen heran. Dezent begrüßen sie sie eingangs. Später wandert das eine oder andere Stück Klebeband wie zufällig auf Kleidungsstücke – ehe die ersten weißen Tapes sanft auf fremde Handrücken gedrückt werden.

Unbewusst gibt die Musik den Takt vor, gleichzeitig richtet Elise Mory ihre musikalischen Kompositionen nach den Performerinnen. Die Musikerin kreiert Klangmuster, die sie bewusst reduziert und durch Reduktion spannend verändert. Es ist ein künstlerisches Geben und Nehmen, das sich in diesen Momenten auf der Bühne entfaltet und einen sehr emergenten Charakter besitzt. Im Augenblick seines Entstehens ist das Muster bereits verschwunden – um in leicht variierter Form etwas später wieder aufgegriffen zu werden. Tatsächlich kommunizieren die vier Künstlerinnen durch diese und ähnliche Verhaltensweisen miteinander. Sie beobachten sich und repetieren bekannte Verhaltensweise. Sind das wirklich schon Muster? Ab wann bilden sich Muster? Für Lisa Hinterreithner entsteht ein Muster erst ab der dritten Wiederholung: In dem Sinne wimmelt es in „Pink Tape – Yellow Tape – Black Tape – Repeat!“ davon. Freilich sind die alle selbst kreiert und laden gerade durch ihren ungewöhnlichen (Entstehungs)Charakter zum Innehalten, Verweilen und Sinnieren ein. Wo breche ich aus meinen individuellen Mustern aus und nehme eine Rolle in diesen nicht nur abstrakten Kollektiven ein?

 

Foto © Eva Würdinger

No comments yet

Leave a Reply