„He’s a bloody little boy!“

20 Okt

Der 15. Oktober ist vorbei und die Nationalratswahl geschlagen. Klare Gewinner der junge geschniegelte Mann mit der gegelten Frisur und die blaue, rechtspopulistische Gruppierung. Was in Österreich für Frustration und Resignation sorgt, bringt auch im Ausland die Gemüter zum Kochen. In einem Videoclip lästerte der britische Comedian Russell Brand deshalb: „Who is this? King of Austria? He’s a bloody little boy!“. 

Wie es dazu kommen konnte, dass die ÖVP mit Sebastian Kurz so hohen WählerInnenzuspruch einfuhr, dicht gefolgt vom trügerisch-sanften Strache und seinen Genossen, scheint klar: Polarisierungen, „alternative Wahrheiten“ und ein extrem unappetitlicher Wahlkampf. Genau an dieser Stelle spielt auch die Stadt-Land-Inkongruenz mit ein. Das Phänomen kennen wir alle: „Bist was Besseres?“ wird uns gerne vorgeworfen, sobald wir von der gängigen Norm abweichen. Am Land lässt sich die Diffamierung noch mit einem abfälligen „Stodinger!“ oder einem lapidar geäußerten „Zuagroaste“ steigern. „Stadtmensch“ und „Zugezogene“ als Schimpfwörter? Da scheint es wenig verwunderlich, dass die Politiker freudig auf die Antipathien und Misstrauens-Bekundungen aufspringen. Sebastian Kurz wetterte deshalb im Wahlkampf auch bald gegen die böse Stadt und plädierte für das gute Land; schließlich wollen immer mehr Österreicher Wien verlassen und aufs Land ziehen. Linke Städter schlugen zurück: „Mit Blick auf das Ergebnis wird mir wieder bewusst, wie gerne ich in Wien wohne statt auf dem Land“. Und tatsächlich untermauern aktuelle Statistiken die Trends: Je größer der Ballungsraum, desto häufiger tendieren die BewohnerInnen zu liberalen Parteien. Junge Menschen mit höherer Bildung verlassen ihre ländliche Heimat und ziehen in städtische Gebiete. Je dörflicher das Idyll, umso konservativer die Werte. Auf dem Land spielt Religion noch eine stärkere Rolle, was den konservativen Kräften ihren Einfluss zusätzlich erleichtert.

Noch deutlicher fiel das Stadt-Land-Gefälle jedoch bei der Bundespräsidentschaftswahl aus. Diese Kluft bemerkten damals auch die Rabtaldirndln. Das steirische Theaterkollektiv mit den fiktiven Tal-Wurzeln hat deshalb in Koproduktion mit der ARGEkultur für das Open Mind Festival 2017 „abreißen“ erarbeitet. In dem nigelnagelneuen Stück geht es um Misstrauen, Entfremdung, einen zerbrechenden Konsens und wie wir unsere Haltungen vor uns hertragen. „abreißen“ trifft damit genau den Zeitgeist.

Wer nach Ungarn zum Zahnarzt fahrt: ghört dazu.
Wer beim Feuerwehrfest mithilft: ghört dazu.
Wer Welschriesling trinkt: ghört dazu.
Wer italienischen Wein trink: ghört net dazu.
Wer Schnapsbrennen kann: is was bsonders.
Wer a Whisky Sammlung hat: is was besseres.
Wer Selchen kann: is was bsonders.
Wer an Humidor hat: is was besseres.
Wer a Hackschnitzelheizung hat; Is was besonders
Wer Erdwärme hat: is was besseres.
Wer an Gasherd hat: der spinnt!

Veranstaltungstipp: „abreißen“

Do, 09., Sa, 11. & So, 12.11. | 20:00 Uhr | ARGEkultur

 

Foto © Cornelia Anhaus

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