Auf Krawall gebürstet

4 Okt

Sie tragen schwarze Blazer, schmale Krawatten, Hochwasserhosen unter denen die Socken hervorblitzen und einen roten ‚Deckel‘ auf dem Kopf. Das ist Burschenschaftssprech für ‚Mütze‘ und auch sonst kommen die Burschen ganz traditionell daher: Man vertritt erzkonservative Werte, beugt sich strengen Regeln und besitzt eine lebenslange Mitgliedschaft. Trotzdem ist bei „Hysteria“ etwas anders. Die männerbündlerische Vereinigung besteht zu 100 Prozent aus Frauen und fordert das „goldene Matriarchat“.

Spätestens an dieser Stelle werden die einen lauthals „Skandal im Burschenschaftsmilieu!“ brüllen. Immerhin datiert die gut gehütete Männerdomäne zurück auf die Urburschenschaft von 1815. Während der napoleonischen Fremdherrschaft entwickelte sich innerhalb der Studentenbewegungen ein deutscher Patriotismus. Und der sitzt offenbar auch genau zwei Jahrhunderte und zwei Jahre später noch felsenfest. Oder sollte frau sagen, saß? 2016 schlug die Stunde der Hysteren: Die resoluten Damen verließen ihren elitären und streng geheimen Wirkungskreis, der laut eigenen Angaben auf 1810 und Habsburgerin Leopoldine von Österreich datiert. Der breiten Masse ist die weibliche Burschenschaft aber erst durch ihren Saalschutz bei Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ am Wiener Rathaus ein Begriff. Kurz davor hatten rechte Identitäre die Produktion am Audimax gestört. Noch medialer wurde es für die Burschen, als sie ihr Mitglied Stefanie Sargnagel beim Bachmannpreis in Klagenfurt besuchten, wo die Autorin den Publikumspreis gewann. Seither ist es um den sekreten Charakter der Geheimloge geschehen.

Hysteria fordert die Angleichung der Menstruationszyklen, Abtreibungen zum Schnäppchenpreis, männlichen Schleierzwang und Herren zurück an den Herd. Gleichzeitig wollen sie sich nicht als Männerhasser verstanden wissen, auch wenn sie hin und wieder mit „Männerschminken und anderen lustigen Spielen“ bei ihren Veranstaltungen werben. Die Forderungen der Burschenschaft sind satirisch, überspitzt und gerade deshalb ist die matriarchalische Vereinigung mittlerweile bekannter als die meisten, ach was, alle Männerbündnisse. Die Hysteren nehmen sich kein Blatt vor dem Mund, sondern legen viel lieber den Finger in die Wunde und drücken noch einmal kräftig zu. Ihr Timing ist perfekt – der exklusive Members Only-Club outete sich pünktlich, als Norbert Hofer Kurs auf das Bundespräsidentenamt nahm, und das Gros der Bevölkerung stumm zusah. Burschenschaften gelten als Brutstätte für rechtes Gedankengut und werden gerne von Rechtsextremen, Rechtspopulisten und FPÖlern frequentiert. Norbert Hofer ist übrigens  Ehrenmitglied der Burschenschaft Marko-Germania, die – nein, keine Überraschung – deutschnationale Ideologien vertritt. Dass sich der österreichische Politiker der Verbindung als Erwachsener anschloss, spricht Bände.

Mit ihrem breitenwirksamen Kampf für das „goldene Matriarchat“ zerrt Hysteria die tageslichtscheuen Männerbündler an die Öffentlichkeit und macht auf die Gefahr aufmerksam, die von ihnen ausgeht. Bei so viel Jagdinstinkt wundert es nicht, dass die Hysteren als Wappentier die Hyäne tragen; natürlich sitzt die nicht still und brav da, sondern brüllt sich die Seele aus dem Leib. Wie das halt auch die Burschen selbst machen, wenn sie „Unsere Männer gehören uns“ und „Ehre, Freiheit, Vatermord!“ skandieren oder sich vor rechten Burschenschaften aufbauen, um „hört ihr jungen, hört ihr alten Patriarchen, geht zur Ruh“ zu singen. Das bringt ihnen nicht nur den Stinkefinger der alten Burschen ein, sondern demonstriert auch, wie überfordert die Männerbündler mit ihrem Spiegelbild sind. Hysteria hat nach und nach die männerbündlerische Verbindungsstrukturen erobert, sich deren Wortwahl und Syntax angeeignet und trägt mit viel Witz und Satire zu ihrer Entmystifizierung bei.

Höchste Zeit also, selbst hysterisch zu werden, und das Prinzip der Burschenschaften zu hinterfragen. Es lockt vielleicht nicht das goldene Matriarchat – dafür aber die Abschaffung rechter Ideologien.

Veranstaltungstipp:
Wer mehr über Salzburgs Burschenschaftermilieu und seine Ursprünge und Hintergründe erfahren möchte, kann zum Ausklang des Open Mind Festival am 19. November an einem Stadtspaziergang zum Thema teilnehmen.

 

Foto: © Cornelia Anhaus

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