„Alle Freiheit der Satire!?“

11 Sep

Als Auftaktveranstaltung zum 2tägigen Symposium „Kollektive Kränkungen“, einer Kooperation von Friedensbüro Salzburg und Open Mind Festival, findet eine Podiumsdiskussion statt, bei der der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer zu Gast sein wird. Wir haben ihn vorab für die Sommerausgabe des „Kranich“ u. a. zum Thema Humor und Extremismus befragt. Das gesamte Interview (ohne Kürzungen) gibt es hier zum nachlesen: 

Cornelia Anhaus: Du hast ursprünglich als Graphiker und Illustrator begonnen. Ab wann und wodurch hat sich dann dein Weg zum Karikaturisten abgezeichnet?
Gerhard Haderer:
Nach 15 Jahren in der Werbebranche mit all ihren Höhen und Tiefen hatte ich dermaßen die Nase voll, dass ich von einem Tag auf den anderen keine Aufträge mehr übernehmen wollte. Damals war ich 33 Jahre alt, ein gutes Alter, um sich neu zu orientieren. So nebenbei habe ich immer geheim, aber mit Leidenschaft Cartoons und Comics gezeichnet, die aber nicht veröffentlicht wurden. Die kleine, aber feine Salzburger Satirezeitung Watzmann- danke, Helmut Hütter,- druckte 1984 ein paar meiner Cartoons ab. Dem damaligen Chefredakteur des profil ist das aufgefallen. Er rief mich an und fragte: „Warum kenne ich Sie nicht?“ und ich sagte: „Weil ich nicht für Ihr profil zeichne“, und das war der Start.

Cornelia Anhaus: Welche Rolle spielt Humor in deinem Leben? Wie würdest du ihn für dich definieren?
Gerhard Haderer: Seit ich denken kann, habe ich mit Freunden immer eine Menge Spaß gehabt. Auch während meiner Schulzeit konnte ich mich mit einer Kombination aus Frechheit, Humor und Zeichentalent aus manch schwieriger Situation retten. Als ich neun und in einer so genannten gemischten Volksschulklasse war, habe ich den kleinen Unterschied zwischen Buben und Mädchen bildlich, und vermutlich sehr detailreich, dargestellt. Die Lehrerin hat mich beim Zeichnen erwischt. Meine Mutter wurde natürlich sofort in die Sprechstunde zitiert, mein erster Skandal quasi. In dieser Sprechstunde wurden dann die Zeichnungen besprochen. Es gab geteilte Meinungen dazu, manche haben sie durchaus anschaulich und lehrreich empfunden. Am Ende war auch meine Lehrerin mehr amüsiert als erschüttert. So habe ich gelernt, dass man mit einer etwas schrägen Bildsprache Dinge beschreiben kann, wie man es in einer staubtrockenen Sprache niemals so eindringlich könnte. Aus dieser Mischung von Humor und Zeichentalent hat sich, wie ich meine, im Lauf der Zeit mein sehr persönlicher Cartoon-Stil entwickelt.
Viel später hat mir Harald Juhnke einmal zugeflüstert: „Wenn ich mich auf die Bühne stellen und das sagen würde, was Sie in Ihren Zeichnungen sagen, so würde mich niemand mehr irgendwo auftreten lassen.“

Cornelia Anhaus: Gibt es deiner Meinung nach geschlechterspezifische Unterschiede von Humor? Wie erklärst du dir, dass Satire so männerlastig ist (Late-Night-Shows, Kabarett, Karikaturenszene)?
Gerhard Haderer: Diese Überpräsenz der Männer habe ich nie verstanden und will sie auch heute noch nicht verstehen. Falls der schenkelklopfende Brachialhumor eines Mario Barths zum Beispiel typisch männlich sein sollte, dann wünsche ich mir viel mehr Frauen in unserer Szene. Claire Bretécher, die grandiose Zeichnerin von „Die Frustrierten“, war immer eines meiner Vorbilder, ebenso Marie Marcks und Miriam Wurster sowieso. Auch Maria Hofstätter war vor ihrer Schauspielkarriere eine umwerfende Kabarettistin. Ich erinnere nur an ihren Bauern-Sketch mit Josef Hader. Und Gisela Schneeberger, der kongenialen Partnerin von Gerhard Polt, liege ich auch heute noch zu Füssen. Also bitte, Mädels: Haltet euch nicht so zurück!

Cornelia Anhaus: Der Karikaturenstreit in Dänemark, die Antwort der türkischen Regierung auf die „Böhmermann-Affäre“ und die Reaktionen nach den tödlichen Anschlägen von Charlie Hebdo schlugen hohe Wellen – unter anderem, weil sie kollektive Kränkungen ansprechen. Siehst du hier die Freiheit der Kunst gefährdet oder gefährdet die Kunst die Menschlichkeit?‘
Gerhard Haderer: Diese dramatischen Ereignisse, obwohl natürlich völlig unterschiedlich in ihrer Konsequenz, haben aufgezeigt, wie leicht satirische Kunst politisch instrumentalisiert werden kann, wenn sie bewusst falsch interpretiert wird. Politischen und religiösen Fundamentalisten fehlt eben das nötige Mindestmaß an Selbstironie, mit dem man einen derartigen Dialog führen könnte. Nach den mörderischen Attacken auf satirische Künstler in Europa stellen sich natürlich grundsätzlich die Fragen nach der Freiheit des Wortes und der Kunst in einer aufgeklärten Gesellschaft. Beide Freiheiten sind in unserem Grundgesetz verankert und deshalb nicht verhandelbar. Mein Freund Jean Plantu, Karikaturist bei Le Monde, hat 2005 gemeinsam mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan „Cartooning for Peace“ gegründet, eine Plattform, die sich gegen die Verfolgung missliebiger Künstler in autoritär regierten Staaten einsetzt. Seit den Attentaten von Paris arbeitet Jean rund um die Uhr unter Polizeischutz. Die Redaktion von Le Monde gleicht einer Festung. Das ist heute die Realität. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat nach dem Anschlag auf der Ferieninsel bei Oslo einen wunderbaren Gedanken formuliert: „Unsere Antwort auf den Terror lautet: Mehr Offenheit, mehr Demokratie, aber keine Naivität.“

Cornelia Anhaus: Wie war das in deinem persönlichen Fall, wie hast du das erlebt? Hattest du Angst um deine persönliche und/oder künstlerische Freiheit? Hat sich dadurch in deiner Arbeitsweise etwas verändert? (Anm.: Sein 2002 erschienenes Buch „Das Leben des Jesus“ löste international heftige Reaktionen aus. Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun forderte die Anwendung des § 188 StGB, der für Blasphemie eine Freiheitsstrafe von bis zu 6 Monaten vorsieht. In Griechenland wurde er 2005 wegen Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft in diesem Buch in Abwesenheit zu sechs Monaten Haft verurteilt, wenn auch dieses Urteil wieder widerrufen wurde.)
Gerhard Haderer: Meine Geschichte war lange vor Charlie Hebdo und den dänischen Mohammed-Karikaturen, daher war das natürlich eine völlig andere Situation. Bis heute kann mir niemand erklären, wie ein derart harmloses Büchlein solche Aufregung bewirken konnte. Der Anlass dafür war eine Serie von Kindesmissbräuchen in der katholischen Kirche Österreichs, und da ich so etwas wie ein naiver Jesus-Fan bin, denn- falls er jemals gelebt hat, was ja niemand so genau weiß, war das ein hoch begabter junger Mann-, hielt ich es für angebracht, seinem unkeuschen Bodenpersonal ordentlich auf die Finger zu klopfen. Der Skandal, den mein Buch auslöste, hat mich völlig überrascht, immerhin wurde der Comic Thema der österreichischen Bischofskonferenz mit der Aufforderung, mich dafür zu entschuldigen, was ich ausdrücklich nicht getan habe. Deshalb gab es wütende Drohungen und Proteste, die zu einer völlig absurden Verurteilung in Griechenland führten. Dass in der Berufungsinstanz ein Freispruch erfolgte, habe ich vermutlich der Einsicht zu verdanken, dass die Trennung zwischen Kirche und Staat im Grundgesetz der EU festgeschrieben ist, und Griechenland eben Teil dieser EU ist. Nicht zuletzt deshalb bin ich überzeugter Europäer. Ob sich an meiner Arbeitsweise durch diesen Skandal etwas verändert hat? Hmmm…Das ist schwer zu beantworten, ich glaube aber eher nicht.

Cornelia Anhaus: Satire kann aber auch als Antwort auf unhaltbare Zustände funktionieren, sh. Trump in den USA. Ist Humor hier eher Bewältigungsstrategie oder Abstumpfung deiner Meinung nach?
Gerhard Haderer: Meiner Meinung nach muss Satire immer im humanistischen Sinn politisch sein und Stellung beziehen. Ein Beispiel? Der Herr Karl von Qualtinger und Merz hat 1962 ein großes Thema aufgegriffen, das bis dahin tabu war, nämlich den Umgang der „ach so harmlosen“ Österreicher mit ihrer Nazivergangenheit, und hat damit zu einer breiten Diskussion beigetragen, die bis heute noch anhält. Auch heute werden wieder Populisten wie Popstars umjubelt, die den Menschen zuerst Angst machen, um ihnen dann gegen genau diese Ängste simple Lösungen anzubieten. Heute errichten wir Mauern und Zäune, um „Das Böse“ fernzuhalten. Noch vor einem Jahr hätte niemand ernsthaft erwartet, dass ein verhaltensauffälliger Macho wie Donald Trump amerikanischer Präsident werden könnte, allein seine Kandidatur haben die meisten Europäer für eine grausliche Kabarettnummer gehalten. Tja. Again what learned. Seitdem gibt es unzählige Cartoons und Sketches über diesen blonden Herrn. Ein wirklicher Glücksfall für tausende Karikaturisten. Humor kann eben manchmal auch ein Ventil sein, durch das man Dampf ablassen kann, wenn der Druck im Hirn zu groß wird.

Cornelia Anhaus: Wenn du dir die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nationale wie international anschaust – was denkst du, welche Rolle Humor künftig spielen wird?
Gerhard Haderer: Es stehen Themen an, die an den Fundamenten unserer demokratischen Vereinbarungen rütteln. All diese Probleme sind zu lösen, wenn wir es wollen, aber sie sind nur mit Vernunft zu lösen und nicht mit Gewalt, und nicht mit militärischen Mitteln. Und da Humor immer eine Facette der Kommunikation zwischen den Menschen war, mache ich mir keine Sorgen, dass uns das Lachen endgültig im Hals stecken bleiben könnte. Wäre doch gelacht!

DANKE für das Gespräch.

Veranstaltungstipp: „Alle Freiheit der Satire!?“
Podiumsdiskussion mit Gerhard Haderer (Karikaturist, Linz), Younes Al-Amayra („Datteltäter“, Berlin) & Isolde Charim (Philosophin/Autorin, Wien), Moderation: Elisabeth Klaus (Universität Salzburg).
Fr, 17.11.2017, 19:30 Uhr, ARGEkultur, Eintritt frei

 

Foto: © Immanuel Gfall

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