Still here

23 Nov

Wie viele Schicksalsschläge, Misshandlungen und Instanzen sexueller Ausbeutung braucht es um eine Existenz zu zerstören? In vielen Fällen reicht wohl ein Erlebnis dieser Natur, um das Opfer an den Rand des Wahnsinns und oft auch bis in den Selbstmord zu treiben. Umso überraschender ist es, die unglaublich fesselnde Lebensgeschichte von Florence Burnier-Bauer persönlich im puristischen Interview-Film „My Talk with Florence“ von Paul Poet erzählt zu bekommen und festzustellen, dass diese alles andere als gebrochen scheint. Die Leser*innen seien gewarnt, denn was jetzt auf sie zukommt ist starker Tobak.

Als Kind der oberen Mittelschicht in Paris wurde Florence von ihrem Stief-Großvater, dessen Freunden und ihrem eigenen Vater von früh an vergewaltigt. Ihre Mutter realisierte, dass etwas mit ihr nicht stimmt, wollte aber nicht wahrhaben, was tatsächlich geschah und steckte Florence in eine Nervenheilanstalt, wo sie Monate lang mit Spritzen unmündig gemacht wurde. Als die Wirkung der Spritzen schließlich nachließ, beschloss Florence zu flüchten. Raus aus dem toxischen Elternhaus, hinaus auf die Straße. So lebte sie einige Jahre in den 60ern mit Obdachlosen, Clochards und Gelegenheitsdieben. Um ihrem aus den Fugen geratenen Leben Sinn und Verantwortung zu geben, bekam sie ein Kind.Verfolgt von der französischen Polizei und ihrer Heroin-Sucht, suchte Florence Zuflucht in der Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Mühl. Ihre erstgeborene Tochter, ein wunderschönes, blondes Mädchen, sollte acht Jahre später in Otto Mühls Krallen geraten. Auch die zwei jüngsten Kinder, ihr Sohn und das Baby wurden ihr von Vertreter*innen der Kommune am „Friedrichshof“ weggenommen. Weder ihre schwere Kindheit noch ihr Straßenkind-Dasein konnten Florence darauf vorbereiten, was sie am Friedrichshof an faschistoiden Strukturen und den Zwang zur völligen Aufgabe der Individualität erwartete.

Über die Spanne von zwei Stunden und zwei unbearbeiteten Filmtapes, in denen Florence mit ihren Erlebnissen abrechnet, bekommt man zusehends das Gefühl, dass hier nicht nur eine abscheuliche Missbrauchsgeschichte dargelegt wird. Es ist vielmehr eine Geschichte der Emanzipation und ein Weg zum wesentlichen Nein. Regisseur Paul Poet, selbst Opfer von sexuellem Missbrauch, wurde in Reaktionen zum Film als „Vergewaltiger mit der Kamera“ beschimpft. Ich hatte jedoch einen gegenteiligen Eindruck. Das Interview wurde auf eine sehr respektvolle und einfühlsame Art und Weise geführt, die letztendlich dazu beigetragen hat, Florence endlich eine Stimme zu verleihen. Poet geht während des Interviews auf ihre Bedürfnisse ein, er stochert nicht in offenen Wunden, sondern lässt sie erzählen und unterbricht nur, um gelegentlich eine Frage zu stellen. Ein Gespräch auf Augenhöhe also und keine metaphorische Vergewaltigung mit der Kamera. Im Rahmen des Open Mind Festivals wurde der Film von Elektronik-Wunderknabe Alec Empire (Atari Teenage Riot, u. a. Producer für Björk, Nine Inch Nails) live vertont. Gerade die Abwesenheit eines fixen Soundtracks trägt dazu bei, dass man den Film durch die gefühlvolle Musik auf einer anderen Ebene erlebt. Menschlichkeit wird hier ganz groß geschrieben und dafür sorgt Alec Empire, der mit Computer und Keyboard den Live-Ambient-Score zum Film liefert.

So viel Bewunderung man der willensstarken und lebensbejahenden Florence auch entgegenbringt, die Konfrontation mit einer derartigen Lebensgeschichte ist alles andere als leicht. Irgendwie beklemmt saß ich in meinem Sessel, in mir tobte ein Gefühlswirrwarr aus Wut, Fassungslosigkeit, Mitleid und purer Hoffnungslosigkeit. Für Florence eine Art Katharsis, ist der Film für die Zuseher*innen mitunter eine echte Herausforderung. Die Möglichkeit das Gesehene im Artist Talk danach zumindest ansatzweise und spontan zu verarbeiten, war eine echte Bereicherung.

 

Foto © Wolfgang Lienbacher

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