Über verlorene Jungs und Feminismus

23 Nov

Feminismus in Zeiten von Trump, Brexit und einer geschwächten politischen Linken stand im Zentrum des Gesprächs mit der laut Telegraph „lautesten und umstrittensten weiblichen Stimme der radikalen Linken“, Laurie Penny, die am Samstag (19.11) in der ARGEkultur unter der Moderation von Hannah Wölfl ihre Einschätzungen mit dem Publikum beim Open Mind Festival teilte.

Als Ausgangspunkt für die anschließende Diskussion las die Feministin und Journalistin das zweite Kapitel ihres 2014 erschienenen Buches „Unspeakable Things. Sex, Lies and Revolution“, seitdem der selbst erklärte Workaholic zwei weitere Bücher publiziert hat. In dem kurzen Exzerpt analysiert Penny das Konzept Männlichkeit und die Konsequenzen, wenn die damit assoziierte Macht nicht automatisch seine Erfüllung findet. Sie benennt die männliche Angst vorm Scheitern als den treibenden Faktor, der die Frauen am Fortschritt hindert. Das Kapitel endet mit der Feststellung, dass in einer sexistischen Gesellschaft alle Männer vom Sexismus profitieren und es ihre ausdrückliche Verantwortung ist, nicht einfach mit diesem System der Unterdrückung zu leben, sondern etwas dagegen zu tun.

Die Ironie, eine Diskussion über Feminismus am International Men’s Day zu führen, entging Laurie Penny nicht. Vielleicht aber auch gerade deswegen zog sich das Thema Männer im Feminismus wie ein roter Faden durch den Abend. Die Frage, ob sich Männer als Feministen bezeichnen können oder sollten, ist keine leichte. Penny ist sich sicher, es war noch nie so schwer, aber auch noch nie so wichtig, sich als Mann zum Feminismus zu bekennen. In einer Gesellschaft, wo auf traditionelle Männlichkeit immer noch großen Wert gelegt wird, stößt ein erklärter Feminist auf mitunter gewaltvollen Widerstand. Andererseits nutzen natürlich einige Männer die Strategie sich als Feminist zu geben, um Leute „flachlegen“ zu können. Auch muss man sich die Frage stellen, warum es bei manchen Männern so cool ist, wenn sie sich als Feminist outen während Frauen dafür oft verachtet werden, ähnlich wie das Verhalten gegenüber alleinerziehenden Vätern vs. alleinerziehenden Müttern.
Wie ein Mann (nicht) sein soll, beschreibt Laurie Penny mit einer Analogie, die ein guter Freund von ihr hergestellt hat: das James Bond-Problem. James Bond, der Inbegriff männlichen Heldentums, wird noch immer oft als Paradebeispiel dessen herangezogen, wie ein echter Mann zu sein hat. Das James Bond auch der Inbegriff des sexistischen, frauenverachtenden Psychopathen ist, wird gerne vergessen. Trotz dessen und auch auf die Gefahr hin in Feminist*innen-Kreisen zu Anfangs nicht unbedingt wohlwollend aufgenommen zu werden, ist das Zeigen der Solidarität als Mann unabdingbar.

Als Laurie Penny ihre Gedanken in „Unspeakable Things“ in Worte fasste, war sie zwar besorgt, aber, wie sie jetzt sagt, zu naiv. Seit 2014 hat sich in der Weltgeschichte einiges getan und all dies hat sich in einem erschreckenden Ausmaß bei den diesjährigen US-Wahlen entladen. Die rechtspopulistischen Tendenzen, die wir in Amerika, Großbritannien, aber auch Österreich sehen, tragen unter anderem dazu bei, dass Laurie Penny nicht wie geplant in den wohlverdienten Urlaub starten kann, sondern sich dazu berufen sieht, ihre Sicht zur Debatte beizutragen. Gerade in Zeiten, in denen „angry white men“ immer noch den Großteil der Macht inne haben, braucht es „angry young feminists“ wie Laurie Penny, die sich auch von Hass- und Drohnachrichten nicht kleinkriegen lassen und wortstark dagegen ankämpfen.

 

Foto © Jasmin Walter Photography

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