Heute schon gedumpstert?

23 Nov

Von „Dumpstern“ hat mittlerweile vermutlich jede*r schon einmal gehört. Besonders bei Diskussionen um das Mindestablaufdatum und den herrschenden Waren-Überfluss in Supermärkten fällt der Begriff ganz gerne. „Dumpstern“ kommt eigentlich vom Englischen „dumpster diving“ und steht für „Müll tauchen“. Grob übersetzt, denn Lukas, ein Dumpster-Pionier in Salzburg, klärt uns auf, dass das ja eigentlich kein Müll ist, nachdem wir gleich suchen werden. Sondern einfach nur Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, da sie nicht der Konsum-Norm entsprechen.

Sie haben vielleicht kleine Macken und Ecken oder das Mindestablaufdatum wurde überschritten. Es kann auch sein, dass ein Produkt im Set zu früh der Fäulnis zum Opfer gefallen ist. Dann wird gleich die gesamte Packung weggeworfen, auch wenn die anderen im Netz eigentlich noch in all ihrer Pracht erstrahlen. Die Supermärkte haben so strikte Vorgaben, dass in diesen Fällen selbst die noch genießbaren Stücke in den Müll wandern. Mitgefangen – mitgehangen.

Es ist Sonntag und das Open Mind Festival bietet auch einen Schnupperkurs in Dumster-Diving an. Okay, eigentlich ist es eine Rundfahrt mit dem Fahrrad und Lukas, dem Salzburger Dumpster-Profi. Ich freue mich schon seit Tagen auf die Tour. Denn ich finde es ziemlich beschämend, dass nach Ladenschluss genießbare Lebensmittel auf den Müll wandern.

Wir starten auf dem Supermarktparkplatz eines Diskounters in Maxglan. Noch ohne auf Tauchstation zu gehen. Lukas klärt uns auf, dass bei diesen Märkten meistens Müllpressen hinter dem Laden stehen. Das heißt, in diesen Fällen wird die überschüssige Ware gleich ganz eingestampft. Nach einem ersten Dumpster-Briefing radeln wir los. Das ist ein bisschen so wie Klassenfahrt, nur spannender. Die Menschen am Straßenrand grinsen teilweise, als sie die lange, bunte Radfahrer*innen-Schlange an sich vorbeiwinden sieht. Wir nehmen Kurs auf einen Supermarkt in der Nähe.

Lukas ist sich nicht sicher, ob wir heute auch tatsächlich großartig fündig werden – er sollte sich irren. Es ist Sonntag und die meiste Ware dürfte eigentlich schon weg sein. Denn, so der Experte, es gibt mittlerweile doch einige Dumpsterer*innen in Salzburg. So um die 100 werden es schon sein, überlegt er und die sind meistens direkt nach Ladenschluss aktiv. Dadurch limitieren sich unsere Sonntags-Chancen, aber die bunt zusammengewürfelte Truppe ist trotzdem hoch motiviert und voller Vorfreude. Außerdem ist uns das Mülltaucher*innen-Glück heute tatsächlich hold. Kaum bei den ersten beiden Containern angekommen, stürzen sich bereits die Ersten an und in die Tonnen. Davor wurden noch schnell Handschuhe an die verteilt, die selbst keine dabei haben. Man kann zwar auch so die Supermarkt-Reste durchwühlen, aber im Endeffekt handelt es sich immer noch um Mülltonnen. Selbst wenn die, auf die wir treffen, erstaunlich sauber ausfallen. Meistens zumindest. Denn mitunter finden wir auch ausgeronnene Flüssigkeiten, die sich über andere Dinge ergießen oder bereits faulende Lebensmitteln. Nach getaner Container-Arbeit beherzigen wir Lukas‘ Profi-Ratschlag und hinterlassen den Schauplatz sauber. Wiewohl Dumpstern nicht direkt illegal ist, ist es auch nicht unbedingt legal. Waste-Diving ist in Österreich vielmehr eine rechtliche Grauzone. Solange nicht eingebrochen wird und fremdes Terrain illegal betreten, handelt es sich um eine geduldete Aktivität. Die fällt dann auch nicht unter Paragraph 129 StGB, dem Einbruchsdiebstahl. Vielmehr basiert Containern auf gegenseitigem Wegschauen. Die Verkäufer*innen sehen (meistens) in die andere Richtung, wenn Dumpsterer*innen in ihre Container eintauchen. Die wiederum hinterlassen den Ort des Tauchganges dann auch so, wie sie ihn vorgefunden haben: ordentlich und sauber. Eine Hand wäscht die andere.

Das Teilen wird in der Dumpster-Szene großgeschrieben. In Salzburg gibt es ein eigenes Dumpster-Netzwerk, das via Facebook interagiert. Dort werden Bilder von großen Funden hochgeladen. Geteilte Lebensmittel-Rettung macht eben viel mehr Spaß. Deshalb werden auf diesem Weg andere Dumpsterer*innen auf den Fund aufmerksam gemacht. Lukas erzählt, dass er letztens in einem Container so viele Faschingskrapfen gefunden habe, wie er weder essen noch mitnehmen konnte. Also fotografierte er das Krapfen-Spektakel und richtig, lud es hoch.

Auch wir werden mehr als fündig. Nach dem dritten Supermarkt, der mit einer kleinen Container-Enttäuschung endet (wo sind die Container? Anscheinend gilt dort an Sonntagen Container-freie-Zone), haben wir schon so viel Ware, dass der Anhänger an Lukas‘ Fahrrad immer voller wird. Mittlerweile sind wir schon Container-Expert*innen. Ok, fast. Zumindest mit Elan und großartiger Stimmung wiegt unser Grüppchen alle Anfänger*innen-Fragen auf.

Dann folgt der letzte Lebensmittelmarkt. Auf dem Rückweg zur ARGEkultur machen wir noch einmal Station und landen diesmal einen Brot-Jackpot. Laib um Laib wird aus dem Container gefischt, während die Jungs nebenan durch eine teilweise offenstehende Tür zum „Bio-Müll“ gelangen und dort auch noch ziemlich brauchbare Speisen zu Tage fördern. Übrigens meistens noch fein säuberlich in Plastikfolie und Plastikschachteln verpackt. Also total „Bio“. Nicht.

In der ARGEkultur verkochen wir gemeinsam mit Rebecca und Tina die Lebensmittel zu einem wirklich gelungenen Abendessen. Das schmeckt nochmals so gut, wenn man bedenkt, dass dafür eigentlich kein Cent ausgegeben wurde. Außerdem reichen die selbst gesammelten Lebensmittel locker für alle. Trotzdem bleibt auch bei uns noch einiges über. Das wird allerdings nicht weggeworfen, sondern von Lukas später noch in eine karitative Einrichtung gebracht.

 

Foto © Jasmin Walter Photography

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