Das Ende des Kapitalismus?

16 Nov

Einen unvergleichlichen Ansturm erlebte die in Kooperation mit der Robert-Jungk-Bibliothek veranstaltete Montagsrunde des diesjährigen Open Mind Festival in der ARGEkultur. Das Thema lautete passend zu aktuellen politischen Entwicklungen „Das Ende des Kapitalismus?!“, die Betonung lag auf der Spannung zwischen Fragezeichen und Rufzeichen.

Das Publikum lauschte gebannt den Impulsen von Autor und Journalist Robert Misik und dem gefeierten, kroatischen Jung-Philosophen Srećko Horvat. Stefan Wally übernahm bei der Diskussion wohl für all jene in der Wirtschaftstheorie nicht so Versierten eine Doppelrolle: Moderator und Übersetzer. Er fasste die durchaus komplexen Standpunkte in leicht verdauliche Häppchen und ermöglichte so ein flüssiges Gespräch. Begonnen wurde die Diskussion mit einer ordentlichen Portion Ironie, nämlich mit der Feststellung, dass all jene PrognostikerInnen, Ökonomen und GesellschaftskritikerInnen, die Tendenzen ausgemacht haben, dass der Kapitalismus stirbt, jetzt tot sind. Und der Kapitalismus, den gibt’s noch immer. 

Robert Misik, u. a. Autor des Buches „Kaputtalismus“ und politischer Publizist aus Österreich, leitete den Abend mit einer Analyse der auf Massenwohlstand basierenden Ökonomie und Konsumgesellschaft ein: Entgegen der kapitalistischen Logik gibt es heute eine hohe Produktivität, aber kein Einkommen mehr. Diese Produktivitätsfortschritte wie das Ersetzen von Arbeitsplätzen durch Roboter führen auch nicht zum Entstehen neuer Jobs und Branchen, im Gegenteil, sie rotten diese aus. Parallel zu diesen Tendenzen gibt es heute mehr kooperative Netzwerke, wie Startups, an denen der Normalbürger verdient. Dies seien Indikatoren für eine Krise des Kapitalismus, die jedoch gehätschelt gehören.

Srećko Horvat, einer der führenden Philosophen und Intellektuellen der jüngeren Generation in Kroatien und Autor von „Nach dem Ende der Geschichte“, beeindruckte mit hervorragenden Deutsch-Kenntnissen, die er trotz der Übersetzung aus dem Englischen durch Josef Lanner immer wieder unter Beweis stellte. Neben einigen interessanten Denkanstößen, hat sich mir vor allem Horvats These über das extreme Zentrum ins Gedächtnis gebrannt. Er sprach von der Gefahr den analytischen Fehler zu machen, über den Aufstieg der extremen Rechten zu sprechen. Womit wir heute konfrontiert sind, sei ein extremes Zentrum – unter anderem Hollandes Regierung in Frankreich und Orbans in Ungarn – das Maßnahmen implementiert, welche die extremen Rechten vorschlagen. Auch würden wir die Unterschiede zwischen Clinton, Trump und Obama überschätzen. Bei genauem Hinsehen sei Trump nur eine extreme Version dessen was die Mitte bereits umsetzt.

Diese und andere Überlegungen, wie die Notwendigkeit von der Parteipolitik abzuweichen und neue Bewegungen zu gründen um einen dritten Weg zu finden, prägten den Abend. Die „Poesie der Zukunft“ spielte demnach eine zentrale Rolle in der Überlegung, ob der Kapitalismus denn schon tot sei. Sowohl Horvat als auch Misik stimmten in dem Punkt überein, dass die Parteipolitik wie sie ist, nicht mehr sein kann. Während Horvat den langen Marsch durch die Institutionen kritisiert, behauptet Misik auch ein schneller Marsch wäre möglich und nötig. Denn die Zeit drängt. Er betonte die Wichtigkeit einer totalen Neuerung bei voller Fahrt, und sich nicht auf Bewegungen zu verlassen, sondern Allianzen zu bilden und mit einem Zusammenspiel aus Bewegungen und Parteien Politiken durchzusetzen. Laut Robert Misik überwindet ein Politwechsel den Kapitalismus nicht, jedoch sieht er darin kein allzu großes Problem. Überhaupt müsse in Etappen gedacht werden. Innerhalb von zehn Jahren soll für mehr Gerechtigkeit und ökonomische Stabilität gesorgt werden, bevor man darüber hinausgehen kann. Horvat wiederum betonte das Element der internationalen Politik, als Beispiel sei hier die Bewegung Diem25 genannt, die er u. a. mit Yanis Varoufakis initiiert hat.

Nach einer einstündigen Diskussion zwischen Misik und Horvat ging das Wort ans Publikum, wobei Fragen zu Geld und Machtstrukturen, sozialen Revolten, möglichen zukünftigen Kriegsszenarien und dem endgültigen Sieg über den Kapitalismus nachgegangen wurde. Getreu der Tradition der Robert-Jungk-Bibliothek wurde auch diese Montagsrunde pünktlich beendet, jedoch hatte ich den Eindruck, dass so mancher gut und gerne noch weitere zwei Stunden diskutiert hätte. Das Fazit des Abends und somit die Beantwortung, der zu Beginn gestellten Frage: der Kapitalismus lebt noch ;O)

 

Foto © Michael Groessinger

No comments yet

Leave a Reply