Queer und auf der Flucht.

13 Nov

Die Frau auf der großen Leinwand erzählt leise und stockend. Der Fokus des Kameraauges zentriert sich auf ihr ebenmäßiges Gesicht; die langen, geflochtenen Haare, der Undercut, die große und schlecht verwachsene Narbe am Hals. Die Kommission, die in Kürze über Marys Asylstatus entscheiden wird, ist hartnäckig. Immer wieder bohren die einzelnen Fragesteller*innen nach; die eine gefühllos und kalt, der andere mitfühlend. Die Dolmetscherin übersetzt und ermuntert Mary davon zu erzählen, wie sie als homosexuelle Frau in ihrer Heimat verfolgt wurde.

Das Intro zu „Queer und auf der Flucht“ hat es in sich. Der Kurzfilm „Mukwano“ erzählt die Geschichte von Mary und zeigt die Lücken des europäischen Rechtssystems in all seinen hässlichen Facetten. Es ist bekannt, dass der Glücksfaktor unserer Gesellschaft ungerecht verteilt ist. Besonders fatal trifft es allerdings Asylsuchende, die von der heterosexuellen Norm abweichen: Die LGBTIQ Minorität (= Lesbian Gay Bisexual Trans Intersex Queer). Noch nichts davon gehört? Kein Wunder. Den meisten Europäer*innen, die nicht zur Community gehören, dürfte der LGBTIQ-Terminus auch (noch) kein Begriff zu sein. In der westlichen Gesellschaft sind die Angehörigen der Minorität bereits angekommen und meistens akzeptiert. In arabischen, afrikanischen oder ähnlichen Staaten können LGBTIQ Zugehörige davon nur träumen. Für sie bedeutet ein LGBTIQ Outing das Anheften eines scharlachroten Buchstabens, der fatale Konsequenzen birgt, wird Homosexualität doch in 75 Staaten weltweit strafrechtlich verfolgt, in acht Ländern droht sogar die Todesstrafe dafür.

LGBTIQ Asylsuchende gelten in ihren Herkunftsländern als vogelfrei; sie sind als Teufel verschrien und an ihnen verübte Verbrechen werden nicht geahndet. Vielmehr werden sie selbst dafür bestraft. Es sind schockierende Fakten, die bei der Diskussion zu „Queer und auf der Flucht“ das Ohr der Besucher*innen erreichen. Und das liegt nicht nur an den Einblicken, die die Intro und Outro-Filme der Diskussion gewähren. Es ist auch J., der Asylsuchende, der an diesem Abend den Verfolgten ein Gesicht gibt und über die Situation in seiner Heimat Uganda spricht. Auch dort haben LGBTIQ Betroffene nur zwei Alternativen: Verstecken oder Flucht.

Viele entscheiden sich für die Flucht. Vorwärts gen goldenen Westen, wo die Freiheit winkt. Doch die entpuppt sich oft als herbe Desillusion. Die Anträge von LGBTIQ Asylsuchenden werden oft aus Unwissenheit abgelehnt. Zudem gibt es weltweit lediglich 15 Länder, die homosexuellen Personen Asyl gewähren. In Österreich kann die Verfolgung aufgrund sexueller Orientierung als Asylgrund gelten – sofern man es überhaupt so weit schafft.

Niemand verlässt seine*ihre Heimat freiwillig. Doch selbst, wenn sich LGBTIQ Angehörige zur Flucht entschließen, endet ihre Odyssee meistens nicht mit der Ankunft in der neuen Heimat. Oftmals werden sie jetzt zu Opfern ihrer alten Communities. In Erstauffanglagern und Flüchtlingswohnheimen leben Asylsuchende meist auf relativ beengtem Raum. Auf die Absonderung von der Gesellschaft folgt gefährliche Isolierung und unzulängliche Integration. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne Deutschkurs-Zugang sind Asylsuchende egal welcher Orientierung zum Nichtstun verbannt. Aggressionen gedeihen in diesem Klima prächtig. Denn jahrhundertelang gepflegte Ressentiments werden nicht bei Einreise in ein westliches Land an der Grenze abgegeben. Es benötigt vielmehr Zeit, Ausdauer und Aufklärung, um die diffusen Vorstellungen zu überwinden. Bis dahin sollte aber vor allem daran gearbeitet werden, LGBTIQ Flüchtlinge zu unterstützen und ihnen sichere Räume zu bieten. Meistens sind sie gezwungen, ihre Sexualität auch weiterhin zu verbergen. Würden sie sie offen ausleben, würden sie in ihren eigenen Communities zu Geächteten und verstoßen. Das sei ziemlich problematisch, führe zu Einsamkeit und Suizidgedanken. Dessen ist sich Gorji Marzban sicher, der dafür plädiert, alle, die mit Asylsuchenden zusammenarbeiten, auf das Thema LGBTIQ zu sensibilisieren. Denn nur dann sei es möglich, rechtzeitig zu intervenieren und die richtigen Maßnahmen zu setzen. Wie zum Beispiel eine Verlegung in geschützte Räume.

In Wien gibt es mittlerweile eine eigene Institution, die sich um LGBTIQ Betroffene kümmert – die Queer Base. Die Queer Base ist Anlaufstelle und Beratungszentrum zugleich. Die Organistation mietet Wohnungen speziell für LGBTIQ Asylsuchende an. Dort können die Betroffene dann endlich die Freiheit genießen und ausleben, die ihnen davor nie gewährt wurde. Mittlerweile ist auch Salzburg auf den LGBTIQ Hilfszug aufgesprungen und bietet dank der HOSI langsam entsprechende Angebote. Das ist bitter nötig, die Zahl der LGBTIQ Flüchtlinge steigt persistent.

It’s not all doom and gloom! – Seit einigen Tagen gibt es, so Gorji Marzban, im Sudan, einem der Länder wo die Todesstrafe für Homosexualität im Gesetz festgeschrieben ist, die erste Partei, die sich für LGBTIQ einsetzt. Wie lange diese bestehen könne, sei aber noch ungewiss. Während der Westen also noch großteils die Augen verschließt, riskieren LGBTIQ Betroffene in ihren eigenen Ländern ihr Leben für den Kampf um ein Leben. Das ist gelebte Zivilcourage, die hoffentlich auch in den sicheren Asylstaaten mit aller Kraft politisch und gesellschaftlich unterstützt wird!

 

Foto © Michael Größinger

No comments yet

Leave a Reply