Die Stimme: Voice ≠ Vote

14 Okt

Ein Konzert für mehr Gerechtigkeit… eine Woche später sind die medialen Wogen wieder geglättet, die Stimmen verhallt? Das Problem bleibt. Die 150.000 „Voices for Refugees“ können es nicht lösen, sondern nur ein Zeichen setzten, dass sie als Vertreter*innen eines Teils der Zivilgesellschaft anders sind. Eine andere als die offizielle österreichische Flüchtlingspolitik, die mit Dublin II kämpft, immer noch an einer europäischen Lösung feilt, die Familiennachholung beschränken möchte und sich bedroht fühlt von einer möglichen Grenzschließung Bayerns. Dem gegenüber steht am Heldenplatz eine bunt gemischte Masse, Menschen aller Altersgruppen, mit einem gemeinsamen Interesse und so vielfältig wie Österreich immer schon geprägt war; wer das nicht glaubt, sollte mal ein Wiener Telefonbuch aufschlagen. Aber wie anders ist die Zivilgesellschaft wirklich, bestehend aus unzähligen freiwilligen Helfer*innen, finanziellen Unterstützer*innen? Eine Einsatzbereitschaft, die sich in den Wahlen nicht unmittelbar niederschlägt – nach den Wahlen ist in Österreich gefühlt wieder vor den Wahlen, mit ein paar Einschnitten.

Ein Rückblick: Der Platz ist umsäumt von Plastiktoilettenhäusern, das Erste, was wirklich auffällt und ein Schmunzeln verursacht. Wien liegt kurz vor den Wahlen, Landtags- und Gemeinderatswahl sowie jene der Bezirksvertretungen, doch davon ist am Heldenplatz erstaunlich wenig zu bemerken. Keine Flyer, keine Infostände, nur ein paar Wahlhelfer*innen haben noch ihre bedruckten Jacken an. Schnell wird klar, heute geht es um etwas Anderes. Ob von Veranstalter*innenseite bewusst umgesetzt oder vielleicht sogar verboten, ist nicht klar; wobei doch öffentlich bekannt ist, von wem die Volkshilfe unterstützt wird. Interessant dabei nur, dass in Österreich bekanntlich hinter (fast) jeder Hilfsorganisation eine Partei steht, aber nicht jede Partei hinter einer Hilfsorganisation. In einem plakatverseuchten Wien wird der Heldenplatz zumindest optisch zur „politikfreien Zone“. Die Menschen sind hier, um ihre Stimmen für Flüchtlinge zu erheben und gleichzeitig Stimmen für Flüchtlinge zu hören. Musiker*innen, Bands, Schauspieler*innen und Redner*innen, sie alle haben ein gemeinsames Ziel – Stimmung durch ihre Stimme zu machen & auf die gegebene Situation aufmerksam machen. Künstler*innen wie maschek, Thomas Stipsits, Salah Ammo & Peter Gabis, Christoph & Lollo, Kreisky, Seiler & Speer, Konstantin Wecker, Soap&Skin, Conchita, Zucchero, Bilderbuch und Die Toten Hosen stehen auf der Bühne, ihre Stimmen bzw. Aussagen, manchmal mehr manchmal weniger politisch.

Die Stimme ist der stärkste Ausdruck einer Persönlichkeit, abseits von allem Visuellen in einer reizüberfluteten Welt. Die Stimme birgt Identität, Individualität und Charakter, doch impliziert sie nicht automatisch ein Stimmrecht in der Gesellschaft. Personare also laut erschallen kann die Stimme und damit erhoben, abgegeben, und bewahrt werden. Von der Stimmberechtigung zum Stimmzettel mit Stimmgewalt und Stimmengewirr zur Stimmbildung, trotz Stimmenzuwachs und Stimmverlust gefühlte Stimmlosigkeit. All das führt zu einer gesamten, wahrnehmbaren Stimmung am Heldenplatz. Abgesehen davon, dass es „hip“ ist, muss bei diesem Konzert ein Anglizismus verwendet werden, „Stimmen für Flüchtlinge“, könnte kurz vor der Wahl in Wien auch divergent aufgefasst werden. Die Wörter „Voice“ und „Vote“ finden zumindest in der englischen Sprache eine offensichtliche Abgrenzung. Die „Voices for Refugees“ (S/stimmen für Flüchtlinge) in Österreich bedeuten aber noch keine Stimmen (Votes) für Parteien, die Flüchtlinge unterstützen. Klar bleibt, ohne freiwillige Helfer*innen wäre die derzeitige österreichische Flüchtlingspolitik nicht umsetzbar. Es wird reagiert nicht regiert, wobei gut daran getan wäre, zu agieren. Parallel dazu verfällt ein Groß der Zivilgesellschaft in eine Lethargie. Bei all den Gedanken die so aufkommen, mitten in der Menschenmenge in Wien, singt im selben Moment die Band Kreisky „Bitte nicht stören – bedeutet, ganz vage, dass ich nicht gestört werden will; […] wenn ich sage, ich will niemanden sehen, dann will ich verschissen auch niemanden sehen.“ Nicht gestört werden, im doppeldeutigen Sinn, hoffen alle. Und auch das ist Österreich, eigentlich wollen sie alle nur in Frieden gelassen werden, bitte nicht an der Komfortzone kratzen. Wenn Hunderttausende oder auch Millionen von Menschen flüchten und dabei Österreich durchqueren (zurzeit), dann kann das zum nachdenken zwingen, zum reflektieren und im besten Fall zum umdenken. Redner*innen wie Susanne Scholl, Harald Krassnitzer, Erich Fenninger oder Bundespräsident Heinz Fischer wollten darauf aufmerksam machen, am 03. Oktober 2015, am Heldenplatz.

Es ist offensichtlich, dass die Zivilgesellschaft anders ist als die unterschiedliche, partei-abhängige österreichische Flüchtlingspolitik. Doch in einer Zeit, in der der Individualismus und Egoismus im Vordergrund stehen, werden die Ellbogen ausgefahren, jede*r ist auf der Suche nach sich selbst, möchte sich verwirklichen und möchte dabei anders sein als die anderen, einzigartig, besonders. Menschlichkeit und Solidarität  sind seltener geworden, es braucht eine „Flüchtlingskrise“ (das Unwort des Jahres 2015), um ein Bewusstsein zu schaffen, dass Eigennützigkeit die Gemeinsamkeit schädigt. Nur Schuld, schuld sind immer die Anderen (dürfen immer die Anderen sein). Die Anderen, die es nicht gibt. Im Duden kann man es nachlesen, „anders“ bedeutet: nicht gleich, verschieden, andersartig; gibt an, dass ein Wesen oder Ding nicht identisch ist mit dem, dem es gegenübergestellt wird. Identisch? Gegenüberstellen… ein zweifelhafter Vorgang an sich, der an und für sich vergleichen bedeutet. Wir sind alle weder gleich, noch identisch und die Meisten wollen noch dazu nicht verglichen werden. Wir sind die Anderen und wir bedingen einander.

Eine Hypothese: Wäre die Hilfsbreitschaft nicht so groß, könnte die derzeitige Regierung nicht so gemächlich handeln, würde die  derzeitige Regierung nicht so gemächlich handeln, wäre die Hilfsbreitschaft nicht so groß, weil sie nicht notwendig wäre. Mit dem guten Konjunktiv II  lässt sich meinerseits Österreich immer wieder erklären. Die Wünsche der Zivilgesellschaft und deren Umsetzung lassen sich in der Realpolitik selten in der benötigten Geschwindigkeit verwirklichen, die Reaktionszeit ist zu lange. Der gefühlte Abstand zwischen Zivilbevölkerung und Politik in Österreich ähnelt einer Schlucht mit Hängebrücke. Die Berührungspunkte mit Flüchtlingen sind rar für Einzelpersonen und niemand anderes kann dass ändern, denn die Anderen sind wir. Etwas ändern und mehr Gerechtigkeit ist dass, was 150.000 Menschen am Heldenplatz wollten.

 

Foto © Olivia Schierach

One Response to “Die Stimme: Voice ≠ Vote”

  1. Gustav Heger 14. Oktober 2015 at 23:53 #

    Sehr guter Text, engagiert und trotzdem objektiv

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